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Dienstag, 29. Januar 2013

Wenn Planer über Planung reden ...


Man kann natürlich in den platten Losungskrieg einstimmen und "Freiheit durch Sozialismus" statt "Freiheit oder Sozialismus" formulieren. Ich finde eine solche griffige Losung - wie andere in solche Richtung - durchaus wichtig. Aber es soll ja Leute geben, die wollen wirklich konkret werden. Nicht umsonst habe ich das Interview zum 100. Jahrestag der chilenischen KP veröffentlicht. Dort spielt sich die Hauptschlacht um Köpfe bereits in der Jugend ab. Da sind es schon Schüler und Studenten, die Schwung in die Bewegung bringen. Aber abgesehen von der besonderen soziologischen Situation dieser beiden Gruppen - also dass ihre Zeit als Schüler bzw. Student auf jeden Fall in absehbar kurzer Zeit endet - muss hier neben der Frage, was sie nicht wollen, eine möglichst klare Antwort gegeben werden, was sie denn als Alternative wollen können. Primitiv ausgedrückt: Alternative Sozialismus? Was ist das? Was sind seine Vorzüge?
Früher oder später kommt man da an der Frage der Planung der Gesellschaft nicht vorbei. Die beginnt natürlich bei der Planung der Wirtschaft.
Insofern ist der "junge Welt"-Artikel von Professor Rösler sehr wichtig. Ich fürchte, es wird mir schwer fallen, mit wenigen Worten zu begründen, warum er mir in seiner Konsequenz nicht gefällt. Vielleicht die einfachste Aussage: Es ist "altes Denken", ein Blick nach vorn, der vergangene Verhältnisse fast mathematisch-logisch in die Zukunft überträgt, ohne zu berücksichtigen, dass sich die "Produktivkräfte" von denen vor ca. 40/50 Jahren grundlegend verändert haben.
Beginnen wir aber mit dem Rückblick, dem man bedenkenlos zustimmen kann:

(05.12.2012 / Thema / Seite 10Inhalt

Alternativen zum Neoliberalismus

Ökonomie. Zum Verhältnis von Planung und Markt: Erfahrungen beim sozialistischen Wirtschaften unter zentralen und dezentralen Strukturen seit Dezember 1927

Von Jörg Roesler
nachzulesen in "jungewelt.de")

 Sah Professor Rösler den Niedergang des "Planungssystems" in der DDR schon mit einem halben Auge zu wenig, so wird daraus "Blindheit", sofern es um die Zukunft geht. Die Einleitung der strittigen Perspektive halte ich schlicht für falsch:
"Denkbar sind drei Varianten: ..."
"Denkbar" sollte erst einmal vieles sein. Nun kann man Professor Rösler zugutehalten, dass er Realist sei und die künftige Planungssituation in die internationale Klassenkampfsituation einbettet, also die zu planende Region in eine feindliche Umwelt. Das sagt er aber nicht. Er tut so, als ginge es um DIE denkbaren (!) Wege sozialistischer Planwirtschaft. Und da erlaube ich mir zumindest eine vierte Variante ins Spiel zu bringen.
Man stelle sich das Ganze als eine Unmenge von unterschiedlich stark ineinandergreifenden Zahnrädern vor. Jedes dieser Zahnräder plant erst einmal für sich. Kern des Ganzen muss eine gesellschaftliche Wirtschaftsplanung sein. Hier wird zum einen die sozial-politische Entwicklung geplant und deren Umsetzung abgesichert. Zum anderen - und hier wundere ich mich über Professor Rösler - muss hier durchgesetzt werden, was als gesellschaftliches Interesse auf der Ebene kleiner Einheiten nicht lösbar ist. Ich greife als Beispiel den Umweltschutz heraus. Der steht betrieblichen Individualinteressen normalerweise im Wege. Er ist insofern betriebswirtschaftlich unwirtschaftlich.
Dazu kommt die Grundlage des Ganzen: Ein breit gefächerter Mix von Eigentumsformen, innerhalb dessen das "gesamtgesellschaftliche Eigentum" vorherrschend sein muss. 
Professor Rösler übersieht die Demokratie fördernden Potenzen des Internet. Es ist heute technisch möglich, dass jeder Interessierte an der Planung sowohl seines "Zahnrads" als auch des gesamten Räderwerks Teil hat. Die Folgen einer falsch geplanten Schraube lassen sich für jeden nachvollziehbar aufzeigen. Zentralplanung muss nicht mehr in abschließender Entscheidung sehr eng begrenzter Führungszirkel bestehen und deren Kommandos. Das war aber der entscheidende Haken des frühsozialistischen Planungssystems. Es ging früher nicht anders - also musste eine freie Einzelentscheidung das Funktionieren des Gesamtsystems in Frage stellen. 
"Grundvoraussetzung für die Einführung wäre der Umbruch der Eigentumsverhältnisse, der eine revolutionäre Lösung verlangt, für die allerdings zur Zeit wenig spricht."
Eigentlich könnte man an dieser Stelle abbrechen: Ohne wesentliche Änderungen der Eigentumsverhältnisse kann man nirgendwo und nirgendwie von "sozialistischen Verhältnissen sprechen. Es gibt nur wenige Bereiche, bei denen ich "kapitalistisches Eigentum" innerhalb sozialistischer Verhältnisse ausschließen würde, aber deren Dominanz muss als politischer Eingriff in ökonomische Verhältnisse erfolgt sein. Eine Sparkasse, die jedem armen Schwein ein Konto zubilligen muss, wird immer effektiver arbeiten als eine Bank, die sich Anlagerosinen herausgreifen darf.
Ein Letztes. Professor Rösler wollte es offenbar nicht so drastisch ausdrücken, aber das Scheitern des realen frühsozialistischen Planungssystems hing natürlich mit einem Doppelproblem zusammen: Die eine Seite der Medaille war der Fakt, dass nur wenige konkrete Menschen reale Planungsmacht hatten, die andere, dass dies tendenziell politisch verengstirnte Menschen waren. Es hilft also, wenn mehr Menschen ihre Ideen technisch in ein vielteiliges Planugssystem einbringen, es ist aber eine kreativitätsfördernde Leitungsstruktur nötig. Wir dürfen uns nicht auf Ausnahmegestalten wie Fidel Castro orientieren, die nach Jahrzehnten in exponierter Stellung noch Wandlungsnotwendigkeiten verstehen und einzuleiten versuchen ... 

Montag, 10. Januar 2011

In der DDR gab es mehr "sozialistische Persönlichkeiten" als es den Anschein hatte und noch viel mehr als wir heute unterstellen (4)

Bis zu dem Augenblick der Entdeckung, in ein unbegreifbares Räderwerk missratener „Planwirtschaft“ verbessernd eingreifen zu können, hätten die Arbeiter jener Brigade jeden mit tiefster Überzeugung ausgelacht, der sie als „Eigentümer“ ihres Betriebes bezeichnet hätte. (Höchstens im Witzsinn, dass „aus den volkseigenen Betrieben noch viel mehr herauszuholen“ sei.)
Dabei spielte ein zweiter Aspekt eine große Rolle: Sie empfanden sich in dieser Situation als Gemeinschaft, in der jeder sein Stück zu eben dem großen Ganzen beitragen konnte. Keiner hätte sich selbst getraut, so einen „Neuerervorschlag“ aufs Papier zu bringen. Dazu hatten sie ja mich. Aber mit Feuereifer waren sie sofort dabei, mir das Problem mit seinen Handgriffen zu erklären – ich brauchte es nur noch für sie aufzuschreiben (und einige Berechnungen dazu anzustellen). Jeder kannte jeden. Alle vertrauten einander.
Nun denke man dies in die Zukunft hinein. Es wird technisch immer unkomplizierter, Kollektive aus Interessierten in aller Welt zusammenzubauen. Was spricht dagegen, selbst einen Tasmanier in das eigene Team aufzunehmen? Oder einen Sudanesen. Wenn der kein Konkurrent um den eigenen Arbeitsplatz im engen und weiten Sinn ist, wird er zum Exot, mit dem man sich schmücken kann, und in dessen Mails Einfälle auftauchen … also normal sind die nicht, aber andere Teams kommen eben nicht auf dieselben, ätsch,... und wenn, dann wenigstens nicht so schnell. Welch produktives Spiel! In das Gefühl von Arbeit, Mühe, Stress, sich für andere Aufreiben tritt allmählich etwas Anderes: Spaß!
Viele freie Kontakte. Natürlich müssen „anerkennende Institutionen“ vorhanden sein, selbst wenn deren Anerkennung nicht erfolgen sollte. Das Gefühl, es „den anderen so richtig gezeigt zu haben“ ist auch eine nicht zu unterschätzende Triebkraft, wenn es sich mit dem Gedanken verbindet, etwas Nützliches getan zu haben...
„Meine“ Jugendbrigade ist an einer konkreten Aufgabe aus dem Frühsozialismus gewachsen, herausgewachsen. Die Höhe der Prämie rückte völlig aus dem Blickfeld. Einzig wichtig blieb der Gedanke eines Sieges – vergleichbar mit irgendeiner sportlichen Meisterschaft.
Nun übertrage man das auf Verhältnisse, in denen die meisten quälenden Routinen, sofern sie nicht verschwunden sein werden, von Automaten übernommen wurden...

Sonntag, 9. Januar 2011

In der DDR gab es mehr "sozialistische Persönlichkeiten" als es den Anschein hatte und noch viel mehr als wir heute unterstellen (3)

... Dann aber passierte etwas Ungewöhnliches. Es ist klar, dass wenn auf solche Weise immer wieder jemand kam von „da oben“, der sich nicht überheblich zeigte, dass man mit ihm quatschte - auch über Arbeitsangelegenheiten. Und irgendwann wunderten wir uns über überquellende Überschüsse an einer Ventilsorte, von der es eigentlich gar keine hätte geben dürfen. Buchtechnisch. Es stellte sich heraus, dass bei einem Fertigungsvorgang eine vorgefertigte Verschraubung nicht passte und die Arbeiter das vorgesehene Ventil dann durch ein anderes ersetzten. Das ausgebaute existierte zum Erbrechen, das dafür eingebaute fehlte natürlich. Dort hatte irgendwer etwas falsch gemacht, falsch geplant oder was auch immer…
Schließlich entdeckten wir den Fehler in der technischen Zeichnung. Der Kampf begann … und er endete mit einem gemeinsamen „Neuerervorschlag“. Die versoffenen Rumsitzer mit ihrer missglückten Schulbildung – schließlich waren das alles DDR-Schüler, die ihre Schulen mit schlechten Noten beendet hatten – waren nicht wieder zu erkennen. Mit einem unbeschreiblichen Eifer versuchten sie die gemeinsame Aufgabe zu lösen, die eigentlich über ihre Möglichkeiten ging. Sie erwiesen sich im höchsten Maße als kameradschaftlich (teamfähig würde man wohl heute sagen), und waren unbeschreiblich begeistert, etwas am großen Ablauf verbessern zu können.
Plötzlich, als sie selbst an der Lösung eines Problems tüfteln durften (der Natur des Problems wegen mussten), übernahmen sie ganz selbstverständlich (auch ohne Lunikoff) die Initiative. Dieselben Menschen, die sonst überwiegend angetrunken von Schichtbeginn an den Dienstschluss erwarteten, empfanden sich als wichtig für das große Ganze. Sie handelten plötzlich als „Volkseigentümer“ - stolz auf ihren sichtbaren Wert.

Ich will nur als Randnotiz ergänzen, dass wir letztlich hart dafür „bestraft“ wurden. Ein Mädchen im Büro für Neuererwesen, das bis dahin nicht recht gewusst hatte, wozu sie eigentlich da war, erlebte ihre große Zeit. Da war etwas passiert: Ein Kollektiv aus Arbeitern und Angestellten hatte eine Projektantenarbeit bewältigt. Oh, und daran waren auch noch viele Jugendliche beteiligt. Dann machen wir die zur „Jugendbrigade“. Und jetzt müssen sie natürlich planmäßig (!) „neuern“ und … Also viel Bürokratisierung, die der spontanen Kreativität Planbahnen aufzwängen wollte. Aber das lege ich als „realsozialistisch“ deutsch zur Seite.
Wichtiger war etwas Anderes:

Samstag, 8. Januar 2011

In der DDR gab es mehr "sozialistische Persönlichkeiten" als es den Anschein hatte und noch viel mehr als wir heute unterstellen (2)

So ergab sich die Notwendigkeit, dass ich besonders oft jene „Brigade“ aufsuchen musste, die im Lager diese Teile zu verwalten bzw. zur Fertigung zu schaffen hatte. Dort lernte ich ganz pragmatische Arbeitseinstellungen kennen: Gearbeitet wird, wenn sich´s lohnt. Im Wesentlichen passierte deshalb in den ersten beiden Dekaden jedes Monats so gut wie gar nichts. Meist waren die geplanten Pumpen und Motoren sowieso noch nicht da. Warum hätte man die Fertigung mit den dann doch nicht benötigten Kleinteilen belästigen sollen? Wo dann ja sowieso neue Pläne kämen, nach denen dann andere Kleinteile gebraucht würden? In der dritten Dekade musste jedoch der aktuelle Monatsplan erfüllt werden, also der korrigierte, und dazu wurden die Arbeiter an den Wochenenden zur Arbeit gebeten … beispielsweise mit einer Anwesenheitsprämie von 50 Mark zusätzlich zu den Wochenendzuschlägen - nur dafür, dass die Gesichter erschienen. So war Geld zu verdienen, relativ viel Geld für DDR-Verhältnisse.
Was aber herrschte in den ersten beiden Dekaden?
Zum einen Langeweile, was das Arbeiten anging. Gelegentlich wurden ein paar Teile umgelagert, aber die meiste Zeit saßen die Kollegen, die nicht etwas für sich privat zu besorgen hatten, zusammen und frühstückten von acht bis drei. Da kein Mensch so lange essen konnte, wurde getrunken.
Mein Erscheinen bildete eine willkommene Unterbrechung der Eintönigkeit. Zum einen war ein „Sesselpfurzer“ frischer Anlass zu Spott, zum zweiten konnte man jemand einen Gefallen tun (denn etwas Anderes konnte es ja wohl nicht sein, seine Arbeit mit Einsatz zu machen als ein Gefallen für einen, der einen ganz lieb darum bat) und zum dritten war es ein Geschäft: Ohne eine frische Flasche Lunikoff, den gängigen Wodka, brauchte ich nicht zu kommen. Und ein Schluck mittrinken sollte ich. Und man war ja nicht so.
Dies war der NORMALE Ritus. (Damit die abgehetzten Wessis endlich verstehen, wie locker man das Arbeitsleben nahm ... und nehmen konnte – und es fragt sich, wo waren da die zeitungsreifen „sozialistischen Persönlichkeiten“?)

Freitag, 7. Januar 2011

In der DDR gab es mehr "sozialistische Persönlichkeiten" als es den Anschein hatte und noch viel mehr als wir heute unterstellen (1)

Am besten versuche ich es mit einem tatsächlichen Erlebnis aus meinen jungen Jahren Ende der 70er in der DDR. Diese Geschichte erzählte ich übrigens damals meiner derzeitigen Freundin, Schülerin einer „erweiterten Oberschule“ wie damals die DDR-Gymnasien hießen. Ich wurde dafür rüde beschimpft wegen Verunglimpfung der „Arbeiterklasse“ in ihrer realen Führungsrolle, wie sie diese ja aus ihrem Unterricht „kannte“.
Ich arbeitete als Angestellter in der Materialwirtschaft eines Produktionsbetriebes, genauer eines Betriebes innerhalb eines „Kombinates volkseigener Betriebe“ in dem die Endmontage von Hydraulikanlagen erfolgte. Ich war konkret zuständig dafür, dass die für die Fertigung der geplanten Aggregate erforderlichen hydraulischen Ventile bereitstanden. Das war eine höchst undankbare Aufgabe, da es sich sozusagen um Sekundärteile handelte: Wie der Plan vom Monatsanfang am Monatsende aussah, war ausschließlich davon abhängig, 1. welche Aggregate (Pumpen) und 2. welche Motoren hatten beschafft werden können. Um die Kleinteile kümmerte sich keiner bzw. ich, was kaum etwas Anderes war.
Nun konnte ich nicht für jedes Ventil Dienstreisen durch die Republik machen. Vor allem, weil oft Kleinteile aus in vergangenen Monaten korrigierten Plänen buchtechnisch noch vorhanden waren. Aber körperlich?