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Mittwoch, 21. Dezember 2011

Von erlebter Planung, Suff am Arbeitsplatz und einem Wandel zu Neuerern und Volkseigentümern

Nach dieser Erfahrung landete ich in einem der Schweriner Großbetriebe. ORSTA Hydraulik war innerhalb eines „Kombinats“ der Endfertigungsbetrieb für große hydraulische Anlagen. Ich wurde in der Materialwirtschaft eingesetzt. Eine hydraulische Anlage besteht im Wesentlichen aus drei Grundelementen: einem Motor, einer Pumpe und Zubehör. Ich war zuständig für bestimmte Zubehörteile, namentlich Hydraulikventile und Verschraubungen. Vielleicht nicht gerade die Perspektive, von der aus eine Volkswirtschaft zu erklären ist, aber meine ...
Es gab natürlich einen spezifizierten Plan, welche Aggregate wann in welcher Zahl zusammenzubauen gewesen wären, welche Einzelteile und Baugruppen also pünktlich hätten zur Verfügung stehen müssen. Antworten auf die Frage, warum die benötigten Aggregate jeweils nicht zur Verfügung standen, drangen nicht bis auf meine Ebene herunter. Dass sie nie so ankamen, wie es ursprünglich geplant war, merkte jeder. Da dann permanent versucht wurde, einen korrigierten Plan vorzulegen, der eventuell umsetzbar gewesen wäre, gab es im Laufe der Zeit bald niemanden im Betrieb, der die anfängliche Planung noch ernst nahm. Letztlich lief alles darauf hinaus, gegen Ende der Monate an die Zahlenfront zu werfen, was dann wirklich montierbar war. In diesem Chaos spielte meine Abteilung eine verständlicherweise eher untergeordnete Rolle. Jeder sah ein, dass kein Aggregat ohne die passende Pumpe und ihren Motor entstehen konnte. Wenn dann zu erahnen war, welches Aggregat Chancen hatte, tatsächlich noch im laufenden Monat gebaut zu werden, galt es, irgendwie auch noch den Kleinkram dazu zu besorgen.
Nun hat so eine „Planung“ Konsequenzen: Die unmittelbare Montage sollte jeweils dann beginnen, wenn alle zu montierenden Teile am Montageplatz vorlagen … EIGENTLICH eine sinnvolle Vorgehensweise. Zur detaillierten Planerfüllung gehörte auch, die Kleinteile nach dem Ausgangsplan aus dem Lager in die Montage zu bringen. Gelegentlich geschah dies auch. Im seltensten Fall wurde ja aber wirklich nach dem Ursprungsplan produziert. Wer also gut gearbeitet hatte, musste doppelt arbeiten, weil die planmäßigen, aber unter den neuen Vorgaben nicht verwendbaren Teile nun der tatsächlichen Fertigung im Weg waren. Das Ergebnis bei den Lagerarbeitern war eine pervertierte Form von Dienst nach Vorschrift: Sie rührten nichts mehr an, wovon sie nicht wussten, dass auch die anderen Bauelemente vollständig vorlagen. Da diese Bedingung mindestens an den ersten 22 Tagen jedes Monats fast nie erfüllt war, rührte sich in meinem Lagerbereich in dieser Zeit so gut wie nichts. Da es aber ausgeschlossen war, drei Wochen hintereinander tatsächlich NICHTS zu tun, wurde saufend und Karten spielend beieinandergesessen. Dieses System hatte noch weitere für die Lagerarbeiter angenehme Nebeneffekte: An den letzten Tagen der Monate „brannte die Luft“: Da musste all das bis dahin Versäumte mit den nun tatsächlich vorhandenen Teilen nachgeholt werden. Denn letztlich sollten die Pläne ja sogar übererfüllt werden. (Irgendwelche sind wirklich übererfüllt worden.) Die Arbeit war nun in regulärer Arbeitszeit nicht zu bewältigen. Da wurden Sonderzahlungen lockergemacht, nur damit sich die Arbeiter an Wochenenden im Betrieb sehen ließen – neben den „normalen“ Zuschlägen, versteht sich.
Diese Situation war der Normalzustand, als ich meine Arbeit im Produktionsbetrieb aufnahm. Naiv wie ich war, versuchte ich nun umzusetzen, was ich umsetzen sollte. Stieß auf lauter Unmöglichkeiten. Musste, um etwas (oder jemanden) zu bewegen, die Arbeiter mit Wodka ködern. Vieles wurde auf dieser Basis möglich. Von Abteilungsleitern aufwärts war „unten“ normalerweise niemand zu sehen. Man könnte meine Eindrücke „Kulturschock“ nennen. Irgendwie verging mir beim Anblick der die Arbeitszeit totsaufenden Kollegen die Illusion von der Arbeiterklasse an der Macht und vom „Volkseigentum“ … Sahen so „Eigentümer“ aus? Angetrunkene in Erwartung des nächsten „Schicksalsschlages“ namens „Plankorrektur“?
Wie gesagt, ich brachte den „Lunikoff“ mit, wenn ich etwas wollte, und die Arbeiter, überwiegend junge Leute, kümmerten sich dann um „mein“ Problem. Dass wir voneinander nicht besonders viel hielten, verheimlichten wir nicht, aber der „Sesselfurzer“ kümmerte sich eben und das würdigten sie auf ihre Weise …
Schon beim zweiten Mal war ich gefordert, wenigstens mit anzustoßen. Trotz aller Vorbehalte gegeneinander kamen bald Gespräche zustande. Eines dieser Gespräche drehte sich um Verschraubungen für Ventile, von denen bei mir buchtechnisch viele vorrätig waren, von denen die Arbeiter aber behaupteten, sie seien alle. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass die Gesuchten bei einem der Aggregate vor der Montage gegen die Originalverschraubungen ausgetauscht wurden. Die laut Plan vorgesehenen passten nämlich nicht. Je länger wir uns unterhielten, umso spannender wurde die Angelegenheit. Konnte es sein, dass da irgendwo ein Fehler vorlag?
Es lag einer vor. Der war, wie´s aussah, bereits bei der Projektierung entstanden. Plötzlich ahnten wir, dass wir sowohl Arbeitszeit als auch Material einsparen konnten. (Die abmontierten nicht passenden Verschraubungen wurden bisher als Abfall behandelt.) Da es weder leicht war, den schuldigen Punkt zu finden noch fachgerecht zu formulieren, wo was verändert werden musste, wuchs eine kleine Forschungsgemeinschaft zusammen. Dieselben Menschen, die während der ganzen vorangegangenen Zeit sich eigentlich als gesellschaftliche Schmarotzer aufgeführt hatten, empfanden sich plötzlich als Miteigentümer, die selbstverständlich sparsam mit „ihrem“ Volkseigentum umgehen wollten. Man erkannte sie kaum wieder. Aus den Säufern wurde eine Jugendbrigade. Plötzlich ging es um „uns“ - unseren Staat, unsere Gesellschaft, etwas, was wir verbessern konnten. Eine für mich unglaublich erscheinende Wandlung.

Sonntag, 9. Januar 2011

In der DDR gab es mehr "sozialistische Persönlichkeiten" als es den Anschein hatte und noch viel mehr als wir heute unterstellen (3)

... Dann aber passierte etwas Ungewöhnliches. Es ist klar, dass wenn auf solche Weise immer wieder jemand kam von „da oben“, der sich nicht überheblich zeigte, dass man mit ihm quatschte - auch über Arbeitsangelegenheiten. Und irgendwann wunderten wir uns über überquellende Überschüsse an einer Ventilsorte, von der es eigentlich gar keine hätte geben dürfen. Buchtechnisch. Es stellte sich heraus, dass bei einem Fertigungsvorgang eine vorgefertigte Verschraubung nicht passte und die Arbeiter das vorgesehene Ventil dann durch ein anderes ersetzten. Das ausgebaute existierte zum Erbrechen, das dafür eingebaute fehlte natürlich. Dort hatte irgendwer etwas falsch gemacht, falsch geplant oder was auch immer…
Schließlich entdeckten wir den Fehler in der technischen Zeichnung. Der Kampf begann … und er endete mit einem gemeinsamen „Neuerervorschlag“. Die versoffenen Rumsitzer mit ihrer missglückten Schulbildung – schließlich waren das alles DDR-Schüler, die ihre Schulen mit schlechten Noten beendet hatten – waren nicht wieder zu erkennen. Mit einem unbeschreiblichen Eifer versuchten sie die gemeinsame Aufgabe zu lösen, die eigentlich über ihre Möglichkeiten ging. Sie erwiesen sich im höchsten Maße als kameradschaftlich (teamfähig würde man wohl heute sagen), und waren unbeschreiblich begeistert, etwas am großen Ablauf verbessern zu können.
Plötzlich, als sie selbst an der Lösung eines Problems tüfteln durften (der Natur des Problems wegen mussten), übernahmen sie ganz selbstverständlich (auch ohne Lunikoff) die Initiative. Dieselben Menschen, die sonst überwiegend angetrunken von Schichtbeginn an den Dienstschluss erwarteten, empfanden sich als wichtig für das große Ganze. Sie handelten plötzlich als „Volkseigentümer“ - stolz auf ihren sichtbaren Wert.

Ich will nur als Randnotiz ergänzen, dass wir letztlich hart dafür „bestraft“ wurden. Ein Mädchen im Büro für Neuererwesen, das bis dahin nicht recht gewusst hatte, wozu sie eigentlich da war, erlebte ihre große Zeit. Da war etwas passiert: Ein Kollektiv aus Arbeitern und Angestellten hatte eine Projektantenarbeit bewältigt. Oh, und daran waren auch noch viele Jugendliche beteiligt. Dann machen wir die zur „Jugendbrigade“. Und jetzt müssen sie natürlich planmäßig (!) „neuern“ und … Also viel Bürokratisierung, die der spontanen Kreativität Planbahnen aufzwängen wollte. Aber das lege ich als „realsozialistisch“ deutsch zur Seite.
Wichtiger war etwas Anderes: