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Dienstag, 11. Januar 2011

Freiheit, Notwendigkeit und Bonbons ...

Die marxistische Freiheit geht von der Grundbeziehung zur (Um-)Welt aus. Sie nennt – verkürzt ausgedrückt – den Menschen frei, der seine Beziehungen bewusst gestaltet, weil er sie versteht. Als Konsequenz bedeutet dies, dass der Mensch in dem Umfang frei ist, in dem er mit seinem gesellschaftlichen Tun tatsächlich das erreicht, was er beabsichtigt hatte. Dabei sollte man noch zwischen Ebenen unterscheiden. Natürlich gibt es immer relative persönliche Freiheiten. Zugespitzt: Der kleine Junge wird sich erst einmal so frei fühlen, wie er Bonbons in den Mund stopfen kann, wenn ihm danach ist (ihm ist fast immer danach). Seine reale Freiheit wird „bürgerlich“ dadurch eingeschränkt, dass a) nur die eine Packung seine ist, die die Eltern ihm gegeben haben ... und die ist alle ... während die anderen Bonbons der Schwester gehören, und b) die Eltern sagen, heute bekommst du keine, weil du nicht lieb warst.
Frei im marxistischen Sinn wird er, wenn er a) bewusst entscheidet, dass er auch zum Zahnarzt geht, sobald die Karies gekommen ist bzw. auf die schädlichen Bonbons verzichtet, weil er die Folgen ihres Übergenusses schon vorher berücksichtigt und b) sich mit den anderen Familienmitgliedern geeinigt hat, wer wie viele vorhandene Gesamtbonbons wann nutzt, und sich an diese Vereinbarung, an der er gleichberechtigt beteiligt war, auch hält.
Hieraus ergibt sich die Schlagwortvereinfachung „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“. Es gehört zur marxistischen „Freiheit“ schon eine beachtliche Menge Vernunft und Einsicht und eigentlich natürlich auch unbedingt die Ausschaltung von nicht in der eigenen Verfügung stehenden Abhängigkeiten. (Insofern unterscheiden sich „Kommunismus“ und „Sozialismus“ sehr wesentlich, denn letzterer existiert noch unter entscheidender „Stützung“ durch Staatsorgane, die ganzen Menschengruppen Freiheiten gegen ihr Verständnis eingrenzen (müssen).
Besagter Beispieljunge kann gar nicht frei sein. Zum einen überblickt er im jeweiligen Moment sehr wahrscheinlich die Folgen seines Tuns nicht, zum anderen können die Eltern zu jedem Zeitpunkt die irgendwann spielerisch getroffene Vereinbarung aussetzen. Er ist wirtschaftlich von ihnen abhängig. (Der Verführung, ihm die zugestandenen Bonbons wegen Fehlverhaltens vorzuenthalten, kann kaum ein Elternteil widerstehen.)
Solche Abhängigkeiten bestehen in der heutigen Wirtschaft ständig. Jeder Besitzer hat in dieser Art jedem Nichtbesitzer etwas voraus. (Ich beziehe hier Besitzer natürlich auf „Produktionsmittel“ und sei dies der Zugang zu Verwaltungsvorgängen einer Programmsteuerung.)
Dies ändert sich im Sozialismus nicht. Dort werden zwar im Wesentlichen die Bedingungen beseitigt, die die Ausübung solcher meist unsichtbarer Unfreiheiten erzwingen. An ihre Stelle treten aber – zumindest so lange es eine Systemkonkurrenz im Weltmaßstab gibt – andere offene Einschränkungen von persönlichen Freiheiten.

Sonntag, 2. Januar 2011

Versuch 1 zu fliegen (9)

Wo beginnt „Gewalt“ und wo endet „Freiwilligkeit“? Bei der Anwendung oder Androhung von Schlägen / Folter? Doch wohl nicht.
Man muss einfach einmal wegdenken, dass man sich heute bestimmte Dinge und Menschen schlicht kaufen kann. Gäbe es aber das nicht, blieben immer noch freundschaftliche Beziehungen, die die, die sie nicht haben „Seilschaften“ nennen würden. Steht nicht derjenige bereits unter Druck, der seine Lieblingstätigkeit ausüben möchte, aber (erst fast und dann) alle, die solch eine gesuchte Beschäftigung ausüben dürfen, haben ihre „Herkulestaten“ hinter sich? Steht er nicht unter einem moralischen Druck, sie auch zu bewältigen – und sei es nur, um dazu gehören zu können? Und das Dazugehörenwollen ist eine mächtige Triebkraft – selbst ohne offenen Druck. Ein psychischer Druck, der z. B. wirkte, sobald man offen wählen DARF. Dabei bleibt zwar formal das Recht, geheim zu wählen durch Nutzung der Kabine, also formal die Freiwilligkeit. Aber dieses Wählen in der Kabine wird sofort zu einer Abgrenzungshandlung der Gesellschaft gegenüber. Je offener die gesamte Gesellschaft ist, umso stärker wirkt diese indirekte Anpassung. Das hat übrigens nicht notwendig mit Konformität zu tun. Wenn jeder offen seine Individualität „auslebt“, wirkt dies für „Anpasser“ genauso. Ein solcher „Anpasser“ muss eigene Individualität zeigen, allein um dazuzugehören!

Sonntag, 12. Dezember 2010

Wikileaks und die Philosophie der Wahrheit (2)

Das Problem ist also mehrschichtig.
Wikileaks ist weder Wahrheit noch Meinungsfreiheit an sich - das, was daraus ausgewählt wird, noch viel weniger. Aber "Meinungsfreiheit" setzt natürlich voraus, dass die Meinungsfreien zuvor eine fundierte Meinung hatten bilden können. Da stoßen wir an das Problem der "Freiheit" als "Einsicht in die Notwendigkeit", entsprechend frei handeln zu können und auch zu handeln. Je weniger ich weiß, umso weniger verstehe ich ... und umso weniger wahrscheinlich kann ich vernünftig handeln. Insofern kann bürgerliche Freiheit im Sinne von "machen können, was ich will" eine Perversion aus: Wahre Freiheit bedeutet gerade, so "ethisch gebildet" zu sein, bewusst freiwillig nicht das zu tun, was anderen schadet.
Nun entsteht "Freiheit" aber nicht im ln Raum und Wissen stößt immer an Grenzen. Hier meine ich nicht nur die Grenze der unerreichbaren Unendlichkeit, sondern auch die Grenze der Aufnahmefähigkeit des Einzelnen. Keinem Menschen ist zuzumuten, sich alles Detailwissen anzueignen, das ihm vom Prinzip zugängig ist. Also richtig: "Freier Zugang zu Informationen" im Sinne von (beispielsweise) Wikileaks ist eine Grundlage zukünftiger Menschheit. Sie ersetzt aber nicht das Vertrauen, dass wir eigentlich denjenigen entgegenbringen müssten, die uns den erschlagenden Wust unbewältigbarer Masseninfos auf Mundgerechtes herunterbrechen. Massen- und andere "Medien".
Solange diese aber in einem Gestrüpp finanzieller Interessen, die - egal wie offen - Abhängigkeiten von wirtschaftlich Mächtigen sind, ist dieses Vertrauen nicht zu rechtfertigen. Da werden neben ein Gutachten gleich drei andere unabhängig wirkende (auf Umwegen finanzierte) erstellt und wir Normale bekommen dann die "Freiheit" der Entscheidung: Sucht euch was aus, da wird drüber diskutiert. Jeder Journalist beeinflusst uns da schon allein durch seine Auswahl. Wir müssen ihm nicht einmal böse Lüge unterstellen. Es reicht die Schere im Kopf, "So kannst du das nicht sagen, sonst ..."
Also verteidigen wir Wikileaks als einen Baustein künftiger Freiheit, aber überhöhen wir nicht seine Bedeutung, solange ALLES der Aufbereitung zur Ware unterworfen ist.
(Die Geschichte des "Realsozialismus" zeigt, dass diese Unterwerfung selbst dann wirkt, wenn man sich ihr zu entziehen sucht - solange das kapitalistische "System" als Ganzes stark genug ist ...)