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Mittwoch, 27. Juli 2011

Zur Individualität heute und im Kommunismus (3)

Ein neuer Sozialismus-Anlauf besitzt aber bereits eine entschieden verbesserte technische Grundlage in Form des Internets. Bisher wurde nur die wilde Entfaltung einiger Individualitäten über den Markt formal abgeschafft (bzw. das wurde versucht) – und nichts grundsätzlich Neues an Marktes Stelle gesetzt. Da man irgendwie Ordnung brauchte, entstand eine unterschiedlich stark ausgeprägte Kommandowirtschaft, deren Vertreter – aus ihrer Warte vernünftigerweise – nichts mehr fürchteten als unkontrollierbare Abweichungen.
Ein kapitalistisches Internet beschränkt Individualität durch seine Form. Das Medium selbst ermöglichte es jedem kreativen Nutzer beliebige geistige Produkte frei weiter zu entwickeln, zu modifizieren usw. Dem stehen die Interessen der jeweiligen Anbieter entgegen, die ihre Lizenzen zum weiteren Geld kassieren zu schützen versuchen.
Das Ergebnis meiner Kreativität im kommunistischen Internet wäre eine relative Namens-Unsterblichkeit. Dann besäße die Welt halt heute ein Gates-Net, wo die folgenden nach bestem Vermögen ihre Kreativität abgearbeitet hätten – zum Maier-NET-3 meinetwegen.
Womit ich (endlich) an dem Punkt bin, was mir Individualität wäre:
Jeder Mensch kann sich auf seinen Lebensfeldern bewusst genießend frei entfalten.
Hier muss man wieder dialektisch denken – von wegen Negation der Negation:
Mensch in klein (und groß) durchläuft dabei Bildungsphasen, die die Zahl der Bildungsfelder erweitert. Es muss an allen Sinnen „gearbeitet“ werden, um die Gesamtheit der für die jeweilige „Persönlichkeit“ besonders „wertvollen“ frei zu legen. (Wie viele mathematische Genies mögen als schlechte Jäger unentdeckt und wenig geachtet einen frühen Tod gestorben sein …) Ein Mathematiker entwickelt seine Individualität auch darüber, dass er ein umfangreiches musikalisches Werk zu genießen versucht hat – egal, ob er dies nachher weiter tun möchte oder für den Rest seines Lebens bewusst für sich negiert. Die DDR hat da wenigstens angesetzt, indem sie z. B. Genossenschafts-Bauern-Kollektive ins Staatstheater karren ließ. Individualität konnten sowohl die wenigen ausprägen, die das Erlebte schon als schön zu empfinden vermochten, als auch die, die dies als Episode erlebten, was mir da widerfahren ist …
Ein Individuum – und zwar JEDES menschliche Individuum – muss allseitige Sinnes- und Fähigkeitsausbildung erfahren haben, um frei zu entscheiden, welcher seiner erkannten guten Sinne und Befähigungen er weiter entfalten will. Dies ist ein genau entgegengesetzter geistiger Ansatz zum Hauptziel der Verwertung von „Human-Kapital“ - also dem frühzeitigen Aussieben von „funktionierenden“ Fachidioten. Wie viel „Individualität“ hat denn ein Schmalspur-Geistesarbeitern – von Menschen als Taktstraßen-Roboter-Ersatz nicht zu reden?
Im Kommunismus sind alle Erfordernisse, sich mit kapitalistischen „Logiken“ zu befassen, weggefallen. Kein Möchtegern-Sozialismus-Staat muss irgendwelche Raketen bauen, um nicht evtl. vom Nachbarn überfallen zu werden, oder seine Luft mit Braunkohlenchemie verpesten, um die Produkte, die der Nachbar mit Drittwelt-Öl billig entwickelte, nachzuahmen.
Durch das offene „Internet“ kann weltweit jeder Mensch seine „Individualität“ doppelt ausleben: indem er zu Planungen begründete Vorschläge macht, die ihn nur im weitesten Sinn betreffen, und indem er für seine im allerweitesten Sinne „Kunst“ „Werbung“ macht und sich mit ihm ähnlichen Sonderlingen zusammentut. Eine solche Gesellschaft kann sich zum ersten Mal in der gesamten Geschichte eine Schwemme an individualistischen „Sonderlingen“ überhaupt leisten – und kann sie so weit bilden, die eigenen Grenzen selbst zu definieren.
Eine unsichtbare Gewalt des (Nicht)-Dazu-Gehörens existiert ja neben dem schlichten, sich bezahlungsmäßig Beschränktsein auch schon heute. Sie tritt im Kapitalismus nur dahinter zurück. Und deshalb ist auch der Hang, sich etwas Schädigendes zu leisten, weil man es eben im Unterschied zur Masse „sich leisten kann“ größer als wenn sich alle „alles“ leisten könnten.
Allgemeine Individualität halte ich für ein Grundmerkmal des Kommunismus. Kapitalismus ermöglicht nur (schon) ausgrenzenden Individualismus bedingt Vermögender.

Dienstag, 26. Juli 2011

Zur Individualität heute und im Kommunismus (2)

Ich hoffe also auf Zustimmung, dass bestimmte Formen von individualistischer Individualität („Der Staat – das bin ich“), die also bewusst zu Lasten anderer gehen, auch nicht wünschenswert sind.
Aber ein Großteil „unserer“ Individualität ist zugleich eine verschleierte Konformität.
Die Begriffe, von denen ich dabei ausgehe, sind „Werbung“ und „Mode“.
Formal richtig ist, dass jedes Produkt, dass „der Markt“ annimmt, das also verkauft wird, ein „Bedürfnis“ befriedigt – sonst würde es der Konsument ja nicht erwerben.
Wer die Betrachtung aber dort beendet, vergisst das Entscheidende:
Von jenen schon erwähnten „Grundbedürfnissen“ abgesehen, sind alle weiteren Bedürfnisse nicht von vornherein natürlich vorhanden. Im entwickelten Kapitalismus werden sie – z. T. unter bewusster Zerstörung von „Individualität“ – sogar selbst produziert.
Vielleicht am vordergründigsten ist dies bei der Mode im engen wie weiten Sinn zu zeigen: Individualität bei Kleidung hieße meines Erachtens, sich so anzuziehen, wie man als Einzelperson seine Besonderheiten je nach Art hervorhebt bzw. kaschiert. Das hätte zur Folge, dass Kleidungsstücke extrem variierten und lange getragen würden. Die kapitalistischen Bekleidungsfirmen sind aber darauf fixiert, ihre neuen Produkte neu zu verkaufen. Sie müssen also „Uniformen“ erschaffen, also Merkmale für die Kleidungsstücke einer Saison, anhand derer zu erkennen ist, dass sie aus dieser Saison stammen, sodass die so geprägten Menschen wissen, dass nur wer eine Hose usw., die dieses konkrete Merkmal hat, hipp, in usw. ist, dass also Gruppennormen entstehen, bestimmte Stile tragen zu müssen, um dazugehören zu können – und notfalls mit Elefantenstampfern in Minirock rumzulaufen, obwohl dies dem tragenden Individuum zu objektiver Lächerlichkeit verhilft.
Oder Fotohandys eine bestimmten Marke und mit spezifischem „Schnickschnack“. Das „Bedürfnis“ danach wurde vorher bewusst produziert und die Individualität der Individuen durch Werbebeschuss so lange niedergewalzt, bis dieses ICH der Meinung ist, seine „Individualität“ dadurch auszuleben, dass er durch den „richtigen“ Kauf dazugehören darf zur modernen Welt.
Mode ist wohlgemerkt nur ein Beispiel. Ganze „Wissenschaften“ befassen sich mit Tricks, den potentiellen Konsumenten zum Zugreifen zu animieren, zu manipulieren, also dass er etwas einkauft, was er gar nicht hatte kaufen wollen – weil er es eigentlich gar nicht gebraucht hatte.
Das Problem bringt dann aber die Möchtegern-Sozialismus ins Schleudern: Ein volkseigener Betrieb – egal wie berechtigt diese Bezeichnung ist – hat keine Veranlassung, sein Produkt einem potentiellen Konsumenten auf Kosten seine Konkurrenten aufzuschwatzen. Eigentlich träte an die Stelle von „Werbung“, die Information. Aber da gab es bisher nebenher immer die kapitalistische Werbeindustrie. Es entsteht ein gewisser Nachahmungsdrang – mit Lächerlichkeitseffekt.
Nun muss ja, bevor man den Kommunismus real beginnen kann, erst dessen Grundlage geschaffen werden, also das Grundniveau. Insofern büßte im Interesse der kubanischen, vietnamesischen usw. „Hinterwäldler“ der DDR-Deutsche an demonstrierbarem „Reichtum“ ein – es wurde erst einmal die Einheitsversorgung in Angriff genommen. Die Fantasie dabei – ohne den individuellen Überlebensdruck – hielt sich in Grenzen: Im DDR-Berlin entstanden eben Abweichungen beim Neubau-Wohnungsbau dadurch, dass Bauleute aus anderen Bezirken des Landes bestimmte Wohnblöcke bauten. Das ist aber nicht „Kommunismus“. Der könnte erst beginnen, wenn jeder einen individuell gestalteten Wohnraum besitzt.

Zur Individualität heute und im Kommunismus (1)

Nehmen wir an, jemand sagt, Individualität ist, dass ich mir mit meinem Geld kaufen kann, was ich will. Dann wäre die logische Konsequenz, dass es im Kommunismus schon allein deshalb keine Individualität geben kann, weil es ja kein Geld gibt, man sich also gar nichts kaufen kann (zu kaufen braucht).
Damit wäre ich schon beim nächsten Problem: Marx war Logiker UND Optimist (sofern sich das eine mit dem anderen vereinbaren lässt). Er stellte sich eine einheitliche kommunistische Gesellschaftsordnung als geschichtliche Periode vor, in der es eine Übergangsperiode Sozialismus gibt (die relativ komplikationslos in die höhere Phase „Kommunismus“ hinüberwächst. Wir müssen aber einsehen, dass es sogar drei Phasen gibt, die durch unterschiedlich strenge Abgrenzungen voneinander zu trennen sind: Eine Übergangsphase, in der es auf der Erde Kapitalismus und Möchtegern-Sozialismus (mit Staatsmacht) nebeneinander gibt, danach den Marxschen Sozialismus und dann erst, und zwar nach etwas, was ich eine weitere „Revolution“ nennen würde, den tatsächlichen „Kommunismus“. Nur den möchte ich im Folgenden als „Kommunismus“ verstanden wissen. Russischer Kriegskommunismus, kambodschanischer Steinzeit“kommunismus“, chinesische Kulturrevolution und was es sonst noch an perversen Missverständnissen gegeben hat (und evtl. sogar noch geben wird), gehören nicht zu dem Begriff. Sie belegen in erster Linie den Versuchscharakter der ersten Übergangsphase. Wenn man etwas anfängt, wofür es noch keine „durchgespielte“ Erfahrungen gibt, macht man eben Fehler der Jugend. Allerdings wenn sie einmal gemacht sind, kann man sie auswerten, um sie beim nächsten Anlauf zu vermeiden. Der Egoismus des Kapitalismus ist aber wesenseigene Bedingung für die Art des Funktionierens der Gesellschaft.
Für mich ist der Begriff der „Individualität“ am engsten mit dem Begriff der Bedürfnisbefriedigung verknüpft. Je größer die Zahl unterschiedlicher Bedürfnisse ist bzw. ihre jeweilige Ausprägung, umso individueller ist „der Mensch“ unter den jeweiligen Bedingungen. Wie viele Bedürfnisse ein Mensch überhaupt ausprägen kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Der wichtigste: Sind überhaupt seine Grundbedürfnisse befriedigt. Hungernd und dürstend ist schlecht Kunst zu treiben – egal ob als Künstler oder als Kunstgenießer; frierend achtet man (vorsichtig ausgedrückt) weniger darauf, ob eine Decke oder ein Kleidungsstück schön gestaltet ist, wenn sie denn nur wärmen.
Wer dies anerkennt, muss auch einsehen, dass es bisher noch keinen Kapitalismus gegeben hat, (und ich meine, dass es auch keinen geben wird), in dem nicht die vollständige Befriedigung der Grundbedürfnisse einer Gruppe aus der Nichtbefriedigung durch eine andere Gruppe fußte. Das meine ich nur als „Klassenfrage“, sondern als Prinzip. Dass es „den Deutschen“ durchschnittlich „gut“ geht – und zwar auch noch den „Unterschichten“ „verdanken“ sie grenzbarbarischen Verhältnissen in früher Kolonien, jetzt Entwicklungs-, Dritt-, Viertwelt- oder ähnlich benannten Ländern.
Ich würde jeden bitten, etwas „in sich zu gehen“, sollte er sich auf seine Individualität in seinem Kapitalismus etwas einbilden, wenn er sie dem biologischen Zufall, als Deutsche geboren zu sein verdankt und nur durch den zwangsweisen Verzicht auf alle „Individualität“ bei einen asiatischen Kind „geschenkt“ wurde, damit er ein ungerechtes System zu verteidigen bereit ist.
Die „Individualität“ der Bürger des alten Griechenlands war in diesem Sinne wahrscheinlich noch höher – aber eben errichtet auf Totalentzug aller „Individualität“ einer etwa zehnfachen Zahl von Nicht-Bürgern, also Sklaven.
Alles, was wir über „Kommunismus“ sagen können, steht unter dem Vorzeichen, dass die „Individualität“ der einen Menschen eben nicht andere (notwendig) von ihrer Beschneidung bei anderen abhängt, dass sie vom Prinzip jedem einzelnen zusteht.