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Sonntag, 3. April 2011

Wahlmüll (3)

Was so gern übersehen wird, ist das Beharrungsbedürfnis normaler Menschen. Das Gehirn des Durchschnittsmenschen widersteht aus Selbsterhaltungskraft dem Druck, ständig neu zu werten. Die Masse an Entscheidungen, die uns das Leben abverlangt (große UND kleine), ist umso leichter zu bewältigen, umso mehr Entscheidungsgrundlagen als gegeben gesehen werden können. Man weiß eben, dass hinter einer Tür mit dem Piktogramm eine stilisierten Frau sich eine Damentoilette befindet und handelt entsprechend. Auch wenn die Zahl der Jeansträgerinnen die der Rockträgerinnen um ein Vielfaches übersteigt, stört sich niemand daran, dass die stilisierte Frau durch einen Rock definiert wird.
Der Verstand spielt nur eine Rolle im Handlungsprozess – und nicht einmal bei „Vernunftfragen“ DIE Hauptrolle.
Man verzeihe mir mein Entsetzen in Anbetracht der 141 Stimmen für die DKP im Bundesland Baden-Würtenberg. Man verzeihe mir die Vermutung, es handelt sich dabei ausschließlich um Angehörige der Gruppe 1 + 3, also um „konservative Überzeugungstäter“, die schon vor 50 Jahren wussten, was die Welt zusammenhält (oder sorgt, dass sie zusammenfällt) und ebenso lange eine schrumpfende Zahl ihrer Kommunikationspartner von ihrer eigenen Weisheit zu überzeugen versucht.
Ja, wozu solche Überlegungen? Müssen wir nicht nach einem Neuanfang fragen? Wer ist dabei der entscheidende Partner? In gewisser Hinsicht machen wir es uns dabei leicht: Brutzeln im eigenen Saft und gelegentlich wie bei ausgewachsener Bulimie Fressattacken, wo wir gleich alles bewältigen wollen. Aber wie wäre es zur Abwechslung mit einer Strategie des Neuaufbaus? Dabei geht es um zwei Gruppen: Die Protestwähler und die Kreativen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der eine ist der, dass solche Menschen besonders offen sind für ALLES, was neu und anders erscheint. Sie sind also nicht von vornherein gegen rechtes Gedankengut immunisiert. Andererseits fänden sich unter jungen Kreativen viele interessante Menschen, die ansatzweise den Marxismus aus eigenen Flicken neu erfinden würden – natürlich sträubten sie sich mit Händen und Füßen dagegen, in eine solche Ecke gestellt zu werden: Ihnen fehlt überwiegend fundiertes Grundwissen über dialektischen und historischen Materialismus als System und als Methode. Dafür haben sie das Scheitern des realen Anlaufs der Sozialismus-Bewegung in Osteuropa im Unterbewusstsein. Andererseits durchbrechen sie die Logik des Kapitalismus punktuell sogar weit. „Kommunisten“ und „Sozialisten“ erscheinen ihnen „konservativ“.

Samstag, 2. April 2011

Wahlmüll (2)

Gruppe 4 und 5 sind die kreativen und die Protestwähler. Sie unterscheiden sich eigentlich vorrangig im Grad ihres politischen Verständnisses. Beide Gruppen haben emotional erfasst, dass das herrschende Gesamtsystem ihnen eigentlich feindlich gegenüber steht bzw. dem Wesen nach Menschen verachtend ist. Eine vage Ahnung sagt ihnen, das muss etwas Grundsätzliches sein. Wo dieses „Grundsätzliche“ liegt, ist ihnen entweder ganz verschlossen oder wird auf einzelne Details beschränkt. Ein typischer Protestwählerbegriff ist der der „Politiker“. Kreative und Protestwähler haben wirklich viel gemeinsam. Allerdings ist der Antrieb des Protestwählers der „reine“ Protest, also das reine „Dagegen-Sein“. Insofern ist er für ideologische Kampagnen der Sarrazin-Sorte, die sich selbst als Tabu-Bruch in Szene setzen, genauso offen wie ihm ganz rechts und ganz links schnuppe ist.
Die Gruppe 6 ist in gewisser Weise ein „Ableger“ der Gruppe 5: Die demonstrativen Nichtwähler. Aus der Überzeugung heraus, es ändert sich sowieso nichts, versagen sie sich den Versuch – und aus der Angst heraus, wieder enttäuscht zu werden.
Gruppe 7 nennen ich provisorisch die „stupiden Nichtwähler“. Man könnte sie wiederum als Ableger der Gruppe 6 auffassen. Zu ihnen gehören aber auch diejenigen, die nie zu einer Wahl gegangen waren. Zwänge man sie in eine Wahlkabine, kreuzten sie schon aus Angst wegen der Länge des Zettels den obersten Kreis an.
Klammern wir erst einmal kleinere Gruppen aus. Was bringen solche Überlegungen über „Gruppierungen“? Wie hieße es bei den Klassikern des Marxismus? Man muss unterscheiden zwischen der Klasse an sich und der Klasse für sich. Eine Klasse ist eine Gruppe von Menschen, die sich durch objektive Interessengrundlagen unterscheidet. Wahlakte spiegeln aber nur wider, als wozu sich Menschen zugehörig fühlen. Dabei stellt sich die Frage, wie stark Menschenmassen nicht nur manipulierbar sind sondern auch einer Manipulations-“Umpolung“ unterworfen bleiben.

Dienstag, 29. März 2011

Wahlmüll (1)

Wahlen laufen unter konkreten Bedingungen ab. Sie sind langfristig nur bedingt aussagefähig. Man kann dabei die Wähler in „Typen“ einteilen.

Die eine Wählergruppe sind die „konservativen“ Wähler. Das ist nicht als politische Ausrichtung gemeint. Es geht hier um jene Menschen, die an einer irgendwann getroffenen Entscheidung fast bedingungslos festhalten. Gemeint sind also beispielsweise diejenigen, für die die SPD immer noch „rot“ ist, sozusagen „Arbeiterpartei“ oder die „Grünen“ sind noch die Partei der Steine werfenden 68er Aufrührer. Meist sind diese Wähler „verpackungsgläubig“, also für sie ist sicher, dass eine Partei, die sich „christlich“ nennt, dadurch auch christlich ist. Schon die Frage, ob Jesus Christus CDU oder CSU wählen würde, erscheint ihnen als gröbste Blasphemie, denn eine solche Frage schließt ja ein Nein als Antwortmöglichkeit ein.

Der wichtigste Erfolg Jahrzehnte langen antikommunistischen Kampfes auf verschiedensten Ebenen (von BLÖD bis Berufsverbot) ist die restlose Zerschlagung dieser Gruppe, soweit sie in kommunistischer Tradition gestanden hat. Über vergreiste Parteimitglieder, die sich selbst wählen, muss nicht geredet werden, auch wenn es traurig ist, wie viele reale Kampferfahrung mit diesen Menschen wegstirbt.

Eine zweite Gruppe sind so genannte „Pragmatiker“. Sie haben eine unterschiedlich gut ausgeprägte politische „Meinung“, glauben aber besonders klug abzuwägen. Meist ist ihre Meinung kurzfristig orientiert. Als Beispiel: Wenn das Bild eines friedlichen Demonstranten durch die Medien geht, dem ein Herr Mappus die Augen ausschießen ließ, heißt für sie die Formel „Mappus muss weg!“ Sie verfolgen dabei Prognosen und Trends, um den Zug zu erwischen, mit dem ihr Minimalziel am ehesten erreichbar scheint. Problematisch ist dabei die Kurzfristigkeit des Herangehens: Die aktuellen Versprechungen der Opposition werden aufgegriffen, die wichtig erscheinen, unabhängig davon, ob die aktuelle Opposition vorher als Regierungspartei dasselbe schlimmer gemacht hat. Diese Wähler greifen normalerweise nicht nach Außenseitern.
Beide Wählergruppen bilden das wesentliche, die Verhältnisse verfestigende Gerüst.

Man darf die dritte Gruppe nicht übersehen. Nennen wir sie „Überzeugungstäter“. Da sie „an den Rändern“ am auffälligsten sind, unterschiebt man ihnen gern „Extremismus“. Das ist insofern falsch, weil es natürlich auch FDP-Wähler gibt, die davon überzeugt sind, dass die Stärksten auserlesen werden müssen, weil sie selbst die Stärksten zu sein glauben – und die Partei für die Partei der Starken hielten. Zumindest in der FDP-Wählerschaft gibt es wohl gerade Identitätsprobleme. Normalerweise wechseln diese Wähler ihren Liebling gar nicht; mitunter werden sie schreckliche Renegaten, die dann auf ihre früheren Freunde eindreschen.