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Freitag, 3. Mai 2013

Einmischen, aber wie? (2)


... Kunst ist im Großen nie unpolitisch. Auf Politik stößt man in der Kunst auf zwei Arten: als offene klare Aussage, wofür und wogegen „man“ ist, oder über das unterschwellige Zusammenspiel von Gesagtem und Ungesagtem. Vernunft braucht bewusstes Denken. Sinnarme Pop-Wort-Events, die auf nichts als Ablenkung aus sind, sind praktisch Spiele zur Verteidigung der bestehenden Machtverhältnisse. Jeder „Popstar“ ist dabei ein Gesamtkunstwerk. Er kann seine Popularität ja auch zu Geistesfeuerwerken nutzen, die widerständige Gehirne zum Brennen bringen.
Aber versuchen wir das wenigstens?
Was ist aus der Organisation der Schriftsteller geworden?
Eine Gewerkschaft der Lokführer bei Spielzeugeisenbahnen?
Geht es noch darum, sich besse Gehör zu verschaffen, weil man etwas zu sagen hat?
Es scheint ein allgegenwärtiger Gegenwind zu blasen. Ein predigender Bundespräsident darf den Wunsch des Mehrheitsdeutschen, einfach gut, nein, überhaupt leben zu wollen, als Glückssüchtigkeit denunzieren, ohne dass ihn ein echter Sturm der Entrüstung träfe. Ist es denn nicht „gesunder Menschenverstand“, als Glücklicher in einer „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ leben zu wollen? Einfach nicht zu wollen, dass der Nachbar im Kampf um die Kommastelle der Konten einiger „Kapitalisten“ im afghanischen und einem anderen fernen Zinksarg endet?
Kunst kann das fühlbar machen. Der Nebenmensch ist eben auch ein Mensch mit dem ersten Recht auf Leben und dem zweiten, dass dieses Leben lebenswert ist mit Gesundheit, Klugheit, Zufriedenheit mit dem eigenen Geschaffenen …
Wer das philosophisch darstellen will und kann (möglichst anders als schon vorgekaut und für Neugierige lesbar) … wage es!
Wer daraus eine anrührende Geschichte machen will und kann … mache es!
Wer Vergnügen bereiten will und kann an den alltäglichen Schnippchen, die man der Macht spielen konnte, die er der Macht vielleicht selbst gespielt hat …schreibe lachend! Lachen ist gesund!
Wer in Welten entführen will, aus denen heraus gesehen unser egoistisches Ellenbogen-Gegeneinander wie ein dummes Ritterspiel schweißgerüchiger Umblechter wirkt, und dann vielleicht noch anbietet, wie man dahin gelangen kann, warum es keine Wunschträume sind … den frage ich: wo sind seine Werke?
Schriftsteller - die Individualisten, die die Kraft solidarischen Miteinanders durchspielen – ein würdiger Platz in der Gesellschaft. Aber wo sind wir angekommen? In einer „Sparten-Gewerkschaft“, über die die Welt lacht, wenn sie sie nicht ignoriert. Die Herrschenden brauchen keine aufrührerischen Wortkünstler. Die Zeit der Aufklärung ist irgendwann vor über 200 Jahren in der Müllhalde der Geschichte versunken. Jetzt darf gewählt werden zwischen Arztroman, Krimi, in dem der letzte Ehrliche in der Welt der Verbrecher unter Verbrechern Einsamkeitsrituale zelebriert, oder Schauergeschichten, in denen das Böse aus dem Osten kommt. Habe ich die Vampire vergessen? Die Untoten, die uns Gegenwart und Zukunft mit Überholtem füllen wollen?
Okay: Es dürfen von irgendwoher noch Fieslinge kommen, die beweisen: die unmenschlichste Menschheit ist von noch finsteren Gestalten umgeben, dass wir uns freuen mögen an dem was wir noch haben.
Dem Aufbruch der Menschen zu neuen Horizonten in der Wirklichkeit ist stets der Aufbruch in der Kunst im weitesten Sinn vorangegangen. Das Betrachten der realen Welt in ihrer Erbärmlichkeit, Aufbegehren, kühne Utopien. Die neuen Zeiten reifen in Einzelheiten heran, sind mitunter längst überreif. Die Künstler sind die Kinder, die ausrufen, dass der König ja nackt ist, wenn alle Verkümmterten die herrlichen „neuen Gewänder“ preisen.
Nicht jeder Künstler ist diesem Anspruch gewachsen. Aber nur, wenn sich eine Gemeinschaft der Weltverbesserer zusammenfindet, wird sie einen Großen unter sich hervorbringen.
Wenn schon Größenwahnsinn, dann richtig.
Oder laufen nur noch Autoren herum, die im Fall der Fälle den Hannemann beschwören „... geh du voran! Du hast die größten Stiefel an, dass dich das Tier nicht beißen kann ...“


*** Wie ich mich einmische (Weiterverbreitung erwünscht): 

Donnerstag, 2. Mai 2013

Einmischen ... aber wie?! (1)


Als der 2. Weltkrieg zu Ende gegangen war, stand vor den deutschen Schriftstellern ein Haufen von drückenden Fragen, die sie mit dem Gros der Bevölkerung teilten. Wie konnte das passieren? Was muss geschehen, dass sich das nicht wiederholt? Diese Fragen drückten in den deutschen Ländern, die von den Westalliierten genauso wie in denen von der Sowjetunion befreiten. Letztere bekamen jedoch einen klaren Antifaschismus, erstere eine schnelle „Entnazifizierung“ verordnet. „Verordneter Antifaschismus“ bedeutete praktisch, ernsthaft die Wurzeln des deutschen Faschismus zu beseitigen, wozu die Schriftsteller eine wortgewaltige propagandistische Begleitmusik einbringen sollten, „Entnazifizierung“ bedeutete ebenso praktisch eine gewollte „Persilschein-Bewegung“ , die langfristig die Einzeltäter-Mythologie aufbauen sollte: „Die Deutschen“ waren fleißig gut und gehorsam, wie sich das gehört. Sie wurden aber von Hitler und einigen wenigen verrückten Spitzenrattenfängern in Sippenhaft genommen, wodurch sie unschuldig schuldig geworden wären, ohne von etwas gewusst zu haben. Inzwischen haben sich die kleinen Nutznießer in bedauernswerte Opfer verwandelt, die nicht ihre jüdischen Mitbürger gejagt und beraubt haben, sondern von vergewaltigenden Russen und Bombenholocaust in die Zange genommen wurden. Vergeblich versuchten aufrechte Helden wie der großen Wüstenfuchs Rommel dem deutschen Volk dieses Schicksal zu ersparen. Kunst kämpft dabei ums Unterbewusstsein. Sie untermalt oder verschüttet die nackten Fakten und Zahlen, mit denen belegt würde, wann wer wen überfallen hatte, wie viele Tote und Leiden „Die Deutschen“ über die Nachbarn, besonders die Russen gebracht hatten, bevor sich unter diesen individuell quälender Hass herausgebildet hatte. Selbst, wenn das angedeutet wird, so wird es doch überwuchert, wenn die Hauptzeit der Kunstwerks sich um das zum Mitfiebern einladende Schicksal des einzelnen guten Deutschen dreht.
Das ist keine Zustimmung zur Absolution des „verordneten Antifaschismus“ in der DDR. Dort sollte man sich mit Kommunisten, Sozialdemokraten und Pazifisten identifizieren, die bewusst von Anfang an Widerstand geleistet hatten, die in den Schützengräben der Ostfront auf Sowjetseite vergeblich versucht hatten, ihre Landsleute zum Niederlegen der Waffen zu animieren. „Wir“ wussten schon immer, warum wir gegen Hitler gestimmt hatten, während das westliche „Wir“ vom Einzeltäter betrogen worden waren.
Dies änderte aber nichts daran, dass im Westen eine Stolz bereitende Böll-Generation das Wort ergriff. Schriftsteller als Wort-Führer der Vernunft.
Unzählige Namen folgten, die mit Schriftstellerverband und 68er Aufbruch untrennbar verbunden sind. Sie besaßen die ehrliche Anmaßung, das Gewissen der Nation sein zu wollen und sein zu können.  ...


*** Wie ich mich einmische (Weiterverbreitung erwünscht):