Mittwoch, 3. April 2013

Einmal China und zurück


Eine Besonderheit chinesischer Politik scheint die praktische Aufnahme eines Merkmals sozialdemokratischer Verhaltensweisen ins Handwerkszeuk einer "Kommunistischen Partei" zu sein.
Wenn man als Beispiel die SPD nimmt, so hat sie einen klaren Weg mit Brüchen hinter sich. Ursprünglich eine Partei, die den Sozialismus / Kommunismus als praktisches Ziel wahrscheinlich wirklich anzustreben versucht hatte (noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts). Allmählich blieb dieses Ziel als Worthülse noch bestehen. Praktisch aber hatten verschiedene Aspekte des Opportunismus und der Anpassung an das bestehende System bereits die Parteiführung erobert. Erstes zweifelsfreies Zeichen: Die Zustimmung zu den Kriegskrediten als Bündnis mit der einheimischen Bourgeoisie, lieber deutsch als Klasse. Dem zugrunde lag u.a. die Auffassung, dass der wirtschaftliche Fortschritt quasi den gesellschaftlichen Huckepack nehmen würde. 
Die Belohnung war entsprechend: Es blieb der SPD-Spitze überlassen, der Novemberevolution die Spitze zu nehmen. Ein SPD-Polizeipräsident durfte Mai-Demonstranten auseinanderschießen lassen. Adolf Hitler benutzte sie als scheindemokratisches Feigenblatt, indem er die Kommunisten gleich jagte, die SPD-Abgeordneten aber noch zum Nein-Sagen zum Ermächtigungsgesetz antreten ließ. In den westlichen Nachkriegsländern wurde die Partei immer uneingeschränkter eine Kapitalpartei, beinahe DIE Kapitalpartei, indem man sie zum linken Reden auf die Oppositionszirkuslogen ließ, wenn aber besondere soziale Gemeinheiten durchgepeitscht werden sollten ("Agenda 2010"), dann mussten / durften sie das machen, weil damit am leichtesten potentieller Widerstand zum Erlahmen gebracht wurde.
Trotzdem nennen die Theatermanager sie immer noch die "Roten" - und Anbiederungskoalitionen "rot-rot", als sei dies EINE Farbe. Es soll die Leute noch heute mancher Arbeiterpartei oder links nennen.
Was ist eine "Kommunistische Partei", die den Markt vergöttert und sich einen Multimillionär zum Chef nimmt? So wie die "Kulturrevolution" wohl eine schmerzliche Sackgasse war, so ist eben das chinesische Volk durch "Markt" eben nicht in ein Volk von Multimillionären zu verwandeln, der Markt also das Gegenstück zur Armut eines "Kulturrevolutions-Sozialismus". Es ist der eine eben Millionär, weil es die anderen dank ihres Nicht-Besitzes eben nicht sind.
Richtig ist allerdings auch, dass die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen der Macht noch immer so zu sein scheinen, dass Korrekturen möglich wären. Insofern lese ich solche Artikel mit großer Skepsis, abe nicht ganz ohne Hoffnung. Was mir zu denken gibt ist, dass der Artikel in der jungen Welt mit "Markt statt Armut" der kapitalistischen Entwicklung zu Munde redet. Einem Aufsteiger an der Marx-Engels-Stiftung sollte eine kritischere Position zu eigen sein.
Was mir an den chinesischen Dokumenten gefällt, ist diese Begriffsprägung "Sozialistische Harmonische Gesellschaft". In Anbetracht der Vorgeschichte zeugt er von Lernfähigkeit den eigenen Fehlern gegenüber ...

Freitag, 29. März 2013

Karfreitag-Gedanke


In einer Facebook-Gruppe von und für christliche Sozialismus wird in einem schönen Beitrag die Fage formuliert, welches Schicksal Jesus Christus zu erleiden hätte, so er heute lebte.
Ich wünsche allen Menschen Gutes, er hätte dies mit mehr Charisma getan. Also wäre er als Gefahr angesehen worden.
In wesentlichen "Mainstream"-Medien wäre er wohl zum "Linksextremisten" hochstilisiert worden. Klar. In einigen Ländern wäre sein Schicksal dem vor 2000 Jahren ähnlich. Die wahrscheinlichste Form des Umgangs mit ihm wäre das Auftauchen eines "Einzeltäters". Martin Luther King, John Jennon ... sie haben NUR die Ungerechtigkeit unserer "Weltordnung" ernsthaft kritisiert, waren keine "Revolutionäre" im Sinne eines Che, aber sie hatten eben ... Charisma  - das aber darf nur öffentlich haben, wer seinen eigenen Platz, seine Macht erhöht und die Verhältnisse unangetastet lässt ...

Dienstag, 26. März 2013

Fremdenfeindlichkeit – ein Relikt evolutionärer Vorformen des modernen Menschen




Fremdenfeindlichkeit ist ein Element des Restbestandes tierischer Urinstinkte im Menschen. Es ist eine natürliche Verhaltensweise, beispielsweise Gruppenmitglieder mit stark abweichenden Merkmalen abzulehnen. Dies ist im Kontext der Evolution sinnvoll: Das übliche Aussehen der Artgenossen ist die evolutionär „bestätigte“ Form. Abweichungen machen potentielle Feinde auf die Gruppe aufmerksam.
Sie werden also oft ausgestoßen, bevor sie den echten Feinden aufgefallen sind.
Eine solche Fremdheitsablehnung ist also eine vorvernünftige Verhaltensweise. Vorvernunft ist in der Natur notwendig. Wenn es im Busch raschelt, kann nicht erst eine verstandesmäßige Analyse durchgeführt werden, wodurch das abweichende Rascheln stammen könnte. Es ist Art erhaltend, die u.U. falsche „Abstrakttion“ zu treffen „anschleichender Feind“ und vorsorglich sofort zu flüchten.
Auch der dem menschlichen Handeln gemäße Vernunft gehen schnellere Urinstinkt-Reaktionen voraus. Problematisch werden solche Prozesse erst, wenn sie verbal abstrahiert werden und damit „vernünftig“ erscheinen. Es ist also ein natürlicher Instinkt, sich selbst als Maßstab eines „genetischen Optimums“ zu empfinden. Dieses Vor-Urteil aber zu einer Weltanschauung zu machen, daraus beispielsweise rassistische Auffassungen abzuleiten, zeugt von einer Mischung aus primitiver Verstandesausbildung und relativer geistiger Unterentwicklung.
Merkmal menschlicher Vernunft ist die Fähigkeit zu komplexem Denken in Abstraktionsebenen, die über die Kategorien Freund-Feind, Ich = gut, Rest = böse / fehlentwickelt usw. hinausreicht.

Sonntag, 24. März 2013

Denken wir zu langsam?



Eine besondere Leistung des menschlichen Gehirns ist eine permanente unterbewusste Abstraktion. Gelegentlich stößt die Psychologie auf dieses Problem auf dieses Problem, wenn sie Wahrnehmungsfehler zu erklären versucht. Also experimentell kann man belegen, dass sich mitunter unsere Augen „täuschen“, dass sie etwas zu sehen scheinen, was so nicht zu sehen ist.
Diese „Fehler“ sind Überreste gewaltiger Leistungen der Evolution: Das, was unsere Augen in Bruchteilen von Sekunden zu einem dreidimensional erscheinenden Gesamtbild verarbeiten, ist umgerechnet eine phänomenale Computerleistung. Sie hängt mit Gehirnfunktionen zusammen, die zur Zeit Computer noch nicht gleichwertig ausführen können: Alle Wahrnehmungen werden einer „Vorkontrolle“ unterzogen, ob das, was wir sehen, hören … „denken“, „sinnvoll“ erscheint. Notfalls wird „Wahrscheinliches“ aus den „Speicher“ in den Gesamteindruck eingefügt. In letzter Instanz ist dieser Mechanismus Grundlage von Intelligenz und Kreativität. Ein Elektronenhirn arbeitete im einzelnen schneller nach einem vorgegebenen Algorithmus die vorhandenen Möglichkeiten ab, das menschliche Denken schließt schneller als unmöglich angenommene „Möglichkeiten“ aus.
Dieses Evolutionsprodukt hat natürlich neben allen begeisterungswürdigen Leistungssprüngen auch Schattenseiten: Das menschliche Denken ist gerade dadurch eher geneigt, prinzipiell Neues in ein Erfahrungssystem einzubauen. Das kennt man inzwischen auch aus Computern: Diese sind inzwischen so weit, dass wenn man nach etwas sucht, nach den ersten Buchstaben ergänzt wird, was früher einmal gesucht worden war.
Somit ist in einem Zug diese Fähigkeit Voraussetzung für das Erkennen von Zusammenhängen … zum anderen aber Beschränkung beim Erkennen von Neuem: Man baut eben etwas in ein bekannt erscheinendes System ein und erklärt alles zu Bekanntem. Da dies auch auf verbaler Abstraktionsebenen funktioniert, lässt sich eben eine „Erfahrung“ durch ausreichende Wiederholung produzieren: DDR = Stasi, DDR = Kommunismus. Dies voraussetzend wäre Stasi = Kommunismus sogar richtig logisch abgeleitet. Zumindest bei einigen Menschen funktioniert eine solche „Gehirnwäsche“ immer.
Es gibt aber berechtigte Befürchtungen, dass dieses evolutionäre Produkt auch potentielle Revolutionäre behindert: Da beobachten welche, dass in den politischen Organisationen, die für den grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel unumgänglich sind, sich opportunistisches Denekn durchgesetzt hat, sie also für eine notwendige Revolution nicht mehr geeignet sind. Nun ist eine solche Analyse immer fragwürdig, weil diese Prozesse in „Führung“ und „Mitgliedschaft“ nicht identisch ablaufen – und sei es wegen der unterschiedlich tiefen Integration ins vorhandene System. Es kann auch sein, dass das individuell rührige Handeln Einzelner den Eindruck erweckt, deren Haltung sei die der Organisation selbst. Daraus ergäbe sich also die Notwendigkeit einer Neuorganisation zur Sammlung der revolutionären Subjekte. Was aber, wenn sich dieser Prozess ganz oder teilweise umkehrt? Dann „sammeln sich die einen draußen neu mit ihren Illusionen, die zweiten sammeln sich in der einen Partei mit ihren Illusionen erneut und die dritten in einer dritten usw. Objektiv betreiben ALLE DREI ohne dies zu wollen (natürlich gibt es auch vorsätzliche Spalter) die Spaltung einer sowieso schon zu schwachen Bewegung.
Sollte nicht die Frage gestellt werden, ob es möglich sein könnte, die vorhandene DKP „unter“ einem Köbele – und nicht Meyer – zu einer modernen Kommunisten-Jugendpartei zu erneuern anstatt eine neue „vereinigende“ Kommunistenpartei zu gründen, die nur einigen individuellen Bewegungsdrang befriedigt?
Ich befürchte, dass die Gründung der neuen wahren Kommunisten nicht als Show-Auftritt zur Vorbereitung einer Wiedervereinigung gedacht ist. Zumindest kurzfristig wäre dies technisch nicht umzusetzen. Allerdings stellt sich bei so etwas auch die Frage, wer freiwillig so viel Kommunist wäre, um im Interesse einer starken Führung selbst in die zweite Reihe zurückzutreten ...

Freitag, 8. Februar 2013

Vom Ikarus DDR


„Kulturnation Deutschland?“ Der Titel des Büchleins hat es schon in sich, vor allem, weil der Autor Peter Michel nicht versucht, die tolle DDR zur vorbildlichen Kulturnation hochzuschreiben, sondern sich um Ausgewogenheit bemüht, Kunst als Menschheitswert an sich zu fassen, den es des Menschseins wegen zu pflegen gilt. Gerade deshalb gewinnen seine Vorwürfe eine über Politisches hinausreichende Relevanz.
Nun also zwei Seiten Überblick über drei Ausstellungen von in der DDR entstandener Kunst. Erstes Fazit: So etwas ist auch im nicht so richtig „vereinigten“ Deutschland bereits möglich. Man möge es direkt nachlesen: Kein Abschied von Ikarus

Aber noch immer lässt sich im neuen Deutschen Reich ein Umgang mit Kunst, die nicht die eigene ist, feststellen, die von denselben „Kultur-Politikern“ bei ehemaligen Staaten des „Realsozialismus“ mit Schimpfworten wie „Sozialistischer Realismus“ (wichtig: die Anführungsstriche), aber eben auch stalinistisch u.ä belegt worden wäre. Also Ideologie dort, wo auf DDR-Seite schon Kunst war. Also Qualität der künstlerischen Umsetzung das entscheidende Merkmal war.
Nun greift Michel das Motiv des Ikarus aus der Weimarer Ausstellung auf.
Er sagt es nicht direkt. Es steckt aber ein Gedanke in den Überlegungen: Was in den Ländern dieses frühen „Sozialismus“ geschehen war, war eine Art gesellschaftlicher Ikarus-Flug, zwar mit Absturz, aber nicht mit Tod am Ende.
Mit den Aspekten dieses künstlerischen Bildes haben sich Künstler logischerweise viel beschäftigt, nicht nur, aber auch im Vorgefühl des Ausgangs dieses ersten Abhebens.
Man sollte, wenn man sich mit dem Motiv befasst, etwas Wichtiges beachten:
Entstanden ist die Ikarus-Geschichte mit ihren möglichen Interpretationen in einer Zeit, in der sein Tun vermessen, übermütig, vor allem aber dem „gesunden Menschenverstand“ seiner Zeitgenossen widersprechend gesehen werden musste. Der Mensch kann nunmal nicht fliegen.
Inzwischen kann man dies aber nicht mehr so sagen. Ob wir in ein Flugzeug steigen, in Drachengleiter, die optisch an Ikarus erinnern, oder in Raketen, in denen die ganze Erde klein erscheint, … wir haben heute Grund zur Aussage „Der Mensch kann doch fliegen“.
Wenn also eine Kunstschau den Abschied von den DDR-Ikarussen zelebriert, so ist das ein bornierter Kulturpessimismus.
„Der Mensch“ ist eben doch in der Lage zu einem Sozialismus / Kommunismus. Der sähe nur etwas anders aus, als man diese Menschen-Flug-Phase sich zu DDR-Zeiten ausgemalt hat.
Wir sollten wieder am Bau neuer Schwingen spielen ...

Dienstag, 5. Februar 2013

Gemeinschaft der Glückssüchtigen - Wie wir die Welt wollen - Das Buch


Ich halte den „Kommunismus“ oder wie immer man die damit beschriebenen Verhältnisse nennen mag, für die individualistischste, freieste, menschenwürdigste Form der Entfaltung menschlicher Persönlichkeiten. Das kann ich aus der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen DDR-Teil-Biografie begründen, aus der Geschichte, aus der Logik natürlicher Zusammenhänge und aus dem Wissen, wo wir uns gerade hin entwickelt haben. Was ist „vernünftig“, wenn das Handeln aller Einzelsubjekte nicht mehr mit dem Prinzip erklärt werden muss „Das Hemd ist mir näher als die Hose“?
Warum sind heute Dinge praktisch möglich, von denen Marx oder Lenin nur grob erwarten konnten, dass sie einmal kommen müssten? Was sind das für Dinge?
„Gemeinschaft der Glückssüchtigen – Wie wir die Welt wollen“ spekuliert wenig, leitet nur logisch her, was sich bereits abzeichnet. Dabei müssen wir immer beachten, dass es keine technische Erfindung gibt, die nicht missbraucht wird, wenn die Verhältnisse diesen Missbrauch fördern ...

Sonntag, 3. Februar 2013

Warum bekommen wir eine "weiche Birne"?


Man könnte fragen, warum die Tageszeitung "junge Welt" ausgerechnet ein Buch über Depressionen rezensiert. Gut, dann könnte man genauso gut fragen, warum sie es nicht rezensieren sollte. Sie richtet sich ja an Menschen, die allseitig gebildet sind oder zumindest werden wollen.
Die Antwort liegt genau darin: In dem besprochenen kulturpessimistischen Buch werden offenbar genau jene "unpolitischen" Mechanismen beschrieben, vermittels derer die verblödeten Menschen-Reserven "produziert" werden, die entweder gehorsam arbeiten bis zum Zusammenbruch oder aber sinnlos rumhängen als Beweis der "bildungsfernen Schichten". Die nicht an Wahlen teilnehmen, weil sie nichts mit dem Wahlzettel anfangen können (man müsste ihnen den vorlesen) oder ein Kreuz bei der Partei machen, an die sie sich aus der letzten Sendung oder dem letzten Bier noch erinnern.
Wir werden mehrere Generationen brauchen, um in der Breite Menschen sich entwickeln zu lassen, dieaus eigener Kraft die Welt verstehen und gestalten können. Allseitig gebildete (und deshalb "sozialistische") Persönlichkeiten. 
Interessant auch: Der Autor der Rezension wirft dem Autor des Buches einseitige Überspitzungen vor. In gewisser Weise sagt er damit nur: Auch der "Kulturpessimist" Spitzer ist natürlich ein "Kind" unserer "kapitlistischen Kultur", die zu erkennen er nicht vermag. Der Drang, jeweils das eigene Produkt verkaufen zu müssen, zwingt jeden Anbieter dazu, den potentiellen Kunden am Abwägen von Vorteilen und Nachteilen zu hindern. Also verweist jeder Produzent auf das Gute ... und Spitzer betont das Negative ...


Weiche Birnen

Apps bis der Arzt kommt: Die Informationsgesellschaft frißt ihre Kinder. Berliner Depressionsgespräche zeichnen eine düstere Perspektive

Von Peter Steiniger
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Manfred Spitzer: Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. ­Droemer Knaur Verlag, München 2012, 368 Seiten, 19,99 Euro