Dienstag, 7. Dezember 2010

Sozialneid oder Solidarität


Pfarrer Martin Niemöller hat das zu Zeiten des Faschismus einst so treffend gesagt:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“[

Der Spruch kam mir in den Sinn, als ich einen Artikel zum spanischen Fluglotsenstreik las. Werner Pirker äußerte sein berechtigtes Befremden, dass das, was dort in Spanien geschehen ist, keinen Aufschrei innerhalb der Linken hervorrief – nicht einmal einen symbolischen. Dabei müsste doch der Gedanke, einen Streik – von wem auch immer – mittels Militär“recht“ niederzuschlagen zumindest als schlimmstes Vergehen gegen die angeblich in der EU herrschende „Demokratie“ angesehen werden. Wehe den Anfängen! Da greifen dem Namen nach „Sozialdemokraten“ zur Armee, um im Inneren „Befriedungen“ durchzuführen.
Warum dieser Schlag?
Fluglotsen gehören sicherlich zu den „privilegierten“ „Arbeitnehmern“. Sie genießen zweierlei Vorteile: Zum einen sind ihre Einkünfte überdurchschnittlich, zum anderen besitzen sie ein überdurchschnittliches Erpressungspotential. Nur wenige Berufsgruppen können sich für ihre Interessen so auf die Möglichkeit stützen, dem „Arbeitgeber“ unmittelbaren Schaden zuzufügen.
Das Problem: Betroffen sind zuerst die Rücken Unbeteiligter. Da wollen Menschen in den Urlaub oder müssen zurück und nix geht.
Nun zeigt sich die Bedeutung von „Solidarität“. So wie der eine sich der „Klasse“ der Ausgebeuteten zugehörig fühlen sollte (und nicht dem Opel-Werk xy), so sollte er wenigstens Verständnis haben, wenn die auf seiner Seite der Barrikade Stehenden – auch, wenn es denen etwas anders geht als ihm selbst – den Kampf wagen um Arbeiterrechte. (In Spanien war dies ein rein defensiver Kampf für bisher selbstverständliche Rechte - und die Verantwortung von Fluglotsen für das Leben der Passagiere sollte bedacht sein)
Gerade, wenn man die Verantwortung der Fluglotsen bedenkt, fällt etwas Anderes auf: Diese Berufsgruppe sollte in den Augen der Systemverteidiger des brutalen Gegenwartskapitalismus (auch Neoliberalismus genannt) zu den „Leistungsträgern“ gerechnet werden, während das bei echten Leistungsverspielern in den Besitzer- und Chefetagen im Bankgewerbe viel schwerer sein sollte. Aber die das System verteidigenden Medienstimmen wissen sehr wohl gegen die „Chaosverursacher“ Stimmung zu machen. Für die sind Fluglotsen eben Arbeite, die die Schnauze zu halten haben und froh sein sollen, dass sie arbeiten dürfen.
Nun führen solche solidarischen Denkansätze natürlich immer zum Gedanken des politischen Streiks. Wer Solidarität mit solch „privilegierten“ „Arbeitnehmern“ einfordert, tut dies unterschwellig auch umgekehrt: Dass also z.B. die Fluglotsen Formen der Unterstützung für andere Arbeitnehmer finden – gerade für solche, die sich nicht so unmittelbar stark machen können. Das nennt man Bumerangeffekt: So wie man reinwirft, kommt es wieder raus. Aber es scheint nicht einmal dieser Ideenansatz lebendig zu sein. Aber die nächste ähnliche Situation kommt bestimmt. Werden dann die „Neider“ wieder ihre potentiellen Verbündeten in die Tonne fallen lassen?
Vielleicht ist das zu viel verlangt. Aber protestieren, darauf hinweisen, wie "legitim" die Forderungen der Fluglotsen waren, das hätte aus allen "linken" Ecken kommen können und müssen ...
Ach ja: Ich habe natürlich gut reden: Ich sitze ja auf keinem Flughafen fest ...

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